Ich bin die Welle

Wie von Gott gesandt schreitet Tristan über den Pausenhof. Dort zeigt er einer Schülerin wie sie sich gegen Mobbing wehren kann, hier hilft er einem unbeholfenen introvertierten Jungen seinem Protest gegen Umweltverschmutzung eine Stimme zu geben, und am Ende zeigt er auch noch einem PoC, dass er bei Rassismus auch zurückschlagen kann. Ein wahrer Held. Das soll keine Parodie eines White Savior Complex sein, leider meint es die Serie ernst.

Und hier zeigen sich bereits die ersten zwei großen Probleme. 
Erstens, psychologisiert und pathologisiert Wir sind die Welle jegliche Form von (linkem) Protest und Aufbegehren gegen herrschende Zustände. Das geht so weit, dass man zwischenzeitlich denken könnte, dass die Serienmacher hier einfach „Einer flog über das Kuckucksnest“ abgeschrieben hätten: Alle Protagonist*innen werden mehr oder weniger implizit als psychisch krank, Außenseiter, Loser oder Menschen mit anderweitigen persönlichen Problemen dargestellt, die sie auf ihren politischen Aktivismus projizieren. Erst der Störenfried, Freigeist (und Gefängnisinsasse mit Freigang) Tristan kanalisiert den gestauten Frust, und hilft den aufstrebenden Aktivist*innen aus dem System auszubrechen. Politischer Aktivismus als Ventil für persönliche Unzulänglichkeiten? Das ist auch die Lehre des Originals von Morton Rhue, nur wird dort noch mehr oder minder geschickt mit Eigendynamik in sozialen Gruppen gespielt. Abgesehen davon ist das Original von Morton Rhue immer noch ein Stück über Faschismus, Gehorsam, totalitäre Strukturen sind diesem inhärent. „Wir sind die Welle“ versucht gar nicht erst dieses inhaltliche Problem zu lösen und überträgt stattdessen die Idee der faschistoiden Gruppendynamik auf die linken Aktivist*innen ohne diese in irgendeinem Zeitpunkt der Serie zu erklären. In Folge zwei stellt sich Lea (eine Schülerin, deren Aktivismus sich in der Logik der Serie aus jugendlichem Aufbegehren und pubertärer Fundamentalopposition gegen ihre reichen Eltern erklärt) vor eine Menschenmenge, und redet etwas lauter als sonst. Anschließend zieht ein wütender Mob zu einem Schlachthaus und randaliert dort. Aha, denkt sich der Zuschauer: So funktioniert also linker Faschismus. „Bis wie viel Dezibel ist Antifaschismus erlaubt?“ titelte Margarete Stokowski ironisch im Zuge der unsäglichen Grönemeyer-Debatte, hier findet sie ihr unironisches Pendant.
Der Tiefpunkt dieser entpolitisierten Polit-Soap ist gleichzeitig bedauerlicherweise auch der Höhepunkt des Finales, denn (das ist sogar zu den Netflix-Autoren durchgedrungen): Linke Gruppierungen tendieren gerne mal dazu sich zu spalten. Das wird auch hier aufgegriffen, leider auf die geschmackloseste Art und Weise. So löst sich die Gruppe auf, als erst der coole, Skateboard fahrende Rahim keinen Bock mehr hat und die, von einem Polizisten (und Mitglied einer faschistischen Partei, aber das wird, selbstverständlich nicht weiter thematisiert) angeschossene Lea entradikalisiert im Krankenhaus aufwacht. Der radikale Kern macht weiter und besteht fortan aus Tristan, der Zufällig just ab diesem Moment vermehrt mit Halluzinationen dargestellt wird und seinen beiden, nicht minder psychisch labilen Sidekicks. Gegen Ende kommt es zum Showdown und die entradikalisierte Lea hilft den psychisch labilen Radikalos, mit einem zünftigen Friedensprotest aus der Patsche. Die Message ist klar: Radikal sein? Das ist nicht normal.

Das zweite Problem ist das Fehlen jeglicher Anzeichen von politischem Vorbewusstsein. Als Tristan, der neue Schüler, in die fiktive Kleinstadt Meppersfeld verlegt wird, um dort sein Abitur zu machen, ahnt er nicht, dass sich diese Stadt in einem merkwürdigen semi-permeablen Vakuum befindet, in der zwar in jeder Szene gut sichtbar Wahlplakate hängen, um den Zuschauer*innen ein anerkennendes: „Aha, das soll doch die AfD sein, die kenn ich“ abzuringen, aber (bis auf Nazis) keine politischen Menschen existieren. Bis Tristan herabsteigt, um die 

Jugendlichen mit einem raunenden „Ich war beim Schwarzen Block“ in Hamburg (ja, wirklich) ins revolutionäre Licht zu führen.
In der Zeit-Rezension von Daniel Gerhardt heißt es, Wir sind Welledrehe das „Faschismuslehrstück von Morton Rhue auf links“, aber das würde der Netflix-Adaption einen Status als politisches Lehrstück einräumen, den es schlicht nicht verdient. Während die Dorf-Faschos „Heil Hitler“ brüllen und von „völkischem Denken“ und „Patriotismus“ faseln, gibt es bei den als links inszenierten Jugendlichen um Tristan nicht mal Anzeichen dafür, dass es sich hier um Linke handeln soll. Zwei mal fällt das Wort „Revolution“, ein mal „Anarchie“. Das war es auch bereits mit links anmutendem Vokabular. Die meiste Zeit verbringt die Serie stattdessen damit, den Aktivismus aus einer persönlichen Motivation heraus abzuleiten: Jede*r der Protagonist*innen ist persönlich von etwas betroffen, und versucht das Übel, das ihn*sie betrifft (aber auch nur das) aus der Welt zu schaffen. Die Autoren legen den Aktivist*innen zwar ab und zu Sätze wie „das System“ in den Mund, aber von Systemkritik oder gar linker Theorie ist in der Handlung keine Spur. Den Protagonist*innen geht es nur um sich. Das zeigt sich auch darin, dass politische Aktion mit heteronormativem Sex belohnt wird.
Viel (u.a das Alter der Autoren) spricht dafür, dass es sich hier um eine Karikatur von Gen-Z Schüler*innen handeln soll. 
Bizarr wird es, als ab der Hälfte der Staffel plötzlich der Baader-Meinhof-Komplex abgeschrieben wird: Tristan, der linksextreme Veteran (in einer Szene fragt ihn der schüchterne Hagen, ob er denn mal bei der „Autonomen Szene“ war und staunt ehrfürchtig als Tristan dies bejaht) entwickelt sich urplötzlich vom coolen aber harmlosen Ex-Knasti zu Andreas Baader und hält eine mitreißende Rede, die seine Geliebte, die Kapitalistentochter Lea als so mitreißend empfindet, dass sie zur Linksextremistin wird. Anschließend hält sie die oben genannte Grönemeyer-Rede. Aha, so funktioniert also Linksfaschismus. Und es hätte sogar halbwegs Sinn ergeben, hätte man sich wenigstens die Mühe gemacht, politisches Vokabular, ein kohärentes Weltbild, oder irgendeine Form von politischer Ideologie zu erfinden. Aber dass sich die Boomer-Karikatur einer Gen-Z RAF mit Sätzen wie „Zeigen wir’s denen, die uns am meisten unterdrücken: Unseren Lehrern!“ (ausversehen) selbst radikalisiert ist doch mehr als unwahrscheinlich.

Zu guter Letzt sei angemerkt, dass es in der Serie über linken Protest und Aktivismus, die den Zeitgeist angeblich so gut trifft, keinen einzigen queeren Menschen gibt, und Homosexualität nur dann thematisiert wird, als Tristan versucht die Dorf-Nazis mit Küssen und mit geteilter Homofeindlichkeit zu erniedrigen.

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