Über das Motiv der Vermittlung in Lukas Bärfuss’ Hagard
Hagard (Wildling, schwer zähmbares Tier) erzählt, wollte man es in einem Satz überspitzt zusammenfassen, von einem Stalker der sich urplötzlich, von einem auf den anderen Augenblick dazu entschließt einer ihm bis dato unbekannten Frau nachzustellen und innerhalb weniger Stunden daran zu Grunde geht.
Die Erzählung des schweizerischen Autors wurde als Unterwanderung des „Stoizismus der Gegenwart“ gepriesen (Welt), als eine „Analogie auf den Menschen von heute, der viel wisse, ohne dass es ihm etwas nützt“ (Frankfurter Rundschau) und als kluge „Gegenwartskritik“ (Die Tageszeitung). Tatsächlich ist Hagard durchdrungen mit einem kulturpessimistischen Ressentiment, das eine faschistoid anmutende Kritik des Postmodernismus mit larmoyantem Aufbegehren gegen jegliche Form der Vermittlung mischt.
Mit Vermittlung, soviel sei hier als Vorbemerkung erwähnt, ist der Gegensatz des Unmittelbaren gemeint. Paul Förster, ein antisemitischer Publizist des Kaiserreichs und laut dem Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit der „idealtypische Vertreter des Völkischen“ (Speit 2015), konstruierte einst einen Dualismus zwischen Land und Stadt, Bauer und Bürger, Gemeinschaft und Gesellschaft, sprich zwischen der Sehnsucht nach Ursprünglichkeit einerseits und der Vermittlung als fremdkörperartiger Überformung andererseits. Die Gemeinschaft reklamiert den Pseudos der Natürlichkeit für sich, die Gesellschaft ist ein fremdes Geschwür. Die Gemeinschaft ist, die Gesellschaft muss erst künstlich erschaffen werden.
In Hagard nimmt die Vermittlung zweierlei Formen an: Die des gesellschaftlichen, alles erstickenden Konformismus und der Technik, verkörpert durch das Smartphone, was hier als Platzhalter für technische Errungenschaften im Allgemeinen fungiert.
Die Welt in der Protagonist Philip, ein Immobilienmakler Ende 40, die Bühne betritt wird durch Einstreuungen an den verschiedensten Stellen als ein Hort der Monotonie beschreiben, vorrangig der Monotonie des Alltags. Keine Spannung, keine Leidenschaft, keine Extreme. Was herrscht sind Automatismen, der Einzelne ist eingebunden in ein großes Ganzes wobei der Einzelne so klein und das Ganze so groß ist, dass über die stromlinienförmigkeit seines Dahinvegetierend hinauszublicken, ihm unmöglich erscheint. Was folgt ist erst die Entfremdung und dann der Ausbruch. Woraus? Aus der Vermittlung, zurück von der „Ansammlung vereinzelter auf dem Markt“ (Lenhard 2005) zum Natürlichen.
„Zuversicht war verschwunden, das Vertrauen auf den morgigen Tag mit seinen Möglichkeiten, die Überzeugung, am eigenen Schicksal schmieden…“ (S. 18)
Die Beziehung von Mensch und Maschine – ein absoluter Evergreen der Kulturkritik, so alt wie die Maschine selbst – wird hier brachial mit dem Brechhammer behandelt, indem das im Mittelpunkt stehende Objekt , das Smartphone, frech als Maschine bezeichnet wird. Hierbei stellt der Protagonist Philip in einem ausschweifenden inneren Monolog, ein doppeltes Abhängigkeitsverhältnis fest: Die Maschine übernimmt, trotz geringer Wahrscheinlichkeit, dass sie „ins Glück“ führt, die „Führung“ und der Mensch legt sich selbst an die „Leine“. Die Technik als Vermittlungsform und Quelle der Entfremdung also, die immer weiter in die gleichzeitig immer intimer werdende Lebenswelt des Menschen vordringt und sich dort breit macht. Wird jedoch das Abhängigkeitsverhältnis einseitig aufgelöst, geht. z.B der Akku leer, verstummen die Menschen, werden getrennt und verzagen ob der Hilflosigkeit, jetzt auf sich alleingestellt.
Als Philips Blick kurze Zeit später in einem Pulk aus Menschen auf ein paar Ballerina-Schuhe fällt und er innerhalb weniger Sekunden dazu übergeht sein altes Leben hinter sich zu lassen um sich fortan vollumfänglich der Aufgabe zu verschreiben einer wildfremden Frau nachzustellen, ihr unbemerkt auf Schritt und Tritt zu folgen, wird dies als ein „Anfall von Überdruss“ des im „Alltag gefesselten“ gewertet. Philip schneidet die Fäden der Vermittlung durch, entzieht sich dem Konformismus. Er hat nunmehr ein unmittelbares Ziel, dass er Überblicken kann, dass er sehen kann.
„Ich konnte in Philips Sehnsucht nichts erkennen als Kitsch, das Gegenstück zu jener Ohnmacht, die viele in einem wirtschaftlichen und politischen System empfinden, dass sie an einem bestimmten Platz festzurrt“ (S.50).
Aber Philips vermeintlicher Nonkonformismus, ist konformistisch. Er traut sich nicht das Band der Vermittlung vollends zu lösen, tauscht die undurchsichtige, komplexe Abhängigkeit des Alltags zwar mit einer Unmittelbaren aus – aber was bleibt ist eine Abhängigkeit.
„Nicht seine Absicht bestimmte das Geschehen, er brauchte keine Entscheidungen zu treffen, Das erleichterte ihn auf eine Weise. Er war da.“ (S. 82)
Dass sich mit der Zeit Jagd- und Tiermetaphern häufen, Philips Systemausbruch mit animalischem Trieb geradezu sexuell Aufgeladen wird, zeugt von der vermeintlichen Natürlichkeit der Verbindung zwischen ihm und dem Subjekt seiner Begierde. Er ist aus dem künstlichen Überbau ausgetreten, hat den Fremdkörper abgestreift, die Gesellschaft verlassen und findet sich nun im Bereich der Natur. Jäger und Gejagte? Die Grenzen der gesellschaftlichen Norm sind jedenfalls verschwunden.
„Seine Existenz hing an einer anderen Existenz. Er hatte sich verbunden mit ihr, darum ging es, und wohin sie auch ging, er würde folgen. Es spielte keine Rolle, wer sie war, was sie wollte, solange er sie nicht verlor, würde er nicht verloren sein“ (ebd.)
Je weiter sich Philip in seiner neuen Aufgabe verliert und je mehr gesellschaftlich-moralische Grenzen er dabei über Bord zu werfen bereit ist, desto fremder erscheinen ihm seine früherem Mitbürger. Aus Pendlern auf dem Weg zur Arbeit werden gesichtslose Zombies, seelen- und leblose Kreaturen, die „der einen, gleichen Sache“ dienen und „satt“ sind obwohl sie noch „schlafen“. Das unter Verschwörungstheoretikern aller Couleur beliebte Wort „Systemling“ liegt in der Luft. Je mehr sich die Vermittlung auflöst und das vorherige Leben zerrinnt, desto faschistoider wird der Blick auf die zurückgebliebenen, bis hin zum Raunen von postmodernen Degenerationserscheinungen. Als Philip ‚seiner‘ Frau in die Bahn folgt trifft er dort, gehetzt und fast am Ende, einen Jungen Mann mit „manikürten Händen“ und „Gemüsesaft“. Er mokiert sich über das „weibische Rindsledertäschchen“, wird geradezu zornig ob der „Konfektionsvisage“. Die Verachtung der Gesellschaft mischt sich mit homophobem Ressentiment. Alles scheint plötzlich verweichlicht, weibisch und unmännlich; allzu typisch für völkisch-faschistoide Ideologie.
Dass parallel zu Philips geistig-moralischer Regression, auch die Prozentzahl seines Smartphone-Akkus immer weiter sinkt und ihm der vermeintliche Todesstoß schließlich durch das Verschwinden seines Autos versetzt wird, kann als letztes Aufbäumen der zivilisatorischen Abhängigkeit gewertet werden. Am Ende hat Philip unfreiwillig sowohl vermittelnde Zivilisation als auch unmittelbare Begierde hinter sich gelassen – und verschwindet.
Schlagworte: Faschismus, Hagard, Lukas Bärfuss, Vermittlung